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Glosse

Der Anfang der Lüge

Von Werner Köhne

M anchmal schmerzen sie doch, die enttäuschten Hoffnungen. So war das mit der links-alternativen Bewegung, die sich irgendwann zu Mitte der 1970er formierte – gewachsen aus der Erfahrung einer Ernüchterung der 68er, welche die alte Ernst Bloch Utopie und die Rudi Dutschke Diskurserotik eingetauscht hatten gegen quälende politische Sektenbildungen. Es hatte dann Ende der 70er den Anschein, als würden die luftigen Utopien durch die beginnende Umwelt- und eine breiter gefächerte Friedensbewegung »geerdet«.

Auch die Bilder der Zeit sprachen dafür: Anstatt sich in Seminarräumen über Maos langen Marsch oder mörderische Beziehungskisten zu fetzen, fand sich bald das angesagte Subjekt des historischen »Momentums« in einer Baumhütte in Gorleben wieder. Es wurde sozusagen auf die Spur eines alternativen Lebens gesetzt.

Die Baumhütten wurden dann – wie das ganze Waldstück – vom System abgeräumt; und die »Vögelein schwiegen im Walde«. Dieser Flirt mit Mutter Natur machte dann die Grünen stark, wobei deren Einsatz für Mother earth doch schon 1968 dringlich gewesen wäre bei der damals exekutierten »Flurbereinigung«, die das große Artensterben unter Vögeln und Käfern auslöste, wohl auch die Zerstörung naturnaher Sozialbeziehungen. Eine weitere Milieubildung lieferte dann ein Engpass in der Bildungspolitik. 1981 wurde plötzlich ein Einstellungsstopp für Lehrer verhängt. Zehntausende Akademiker standen auf der Straße, während Examinierte ein Jahr zuvor noch in den Schuldienst übernommen worden waren.

So kam es dann zu dieser Milieustudie: Da trafen sich in einer Kneipe in Kreuzberg der promovierte Taxifahrer, der Studienrat und eine erste Ausgabe der Ich-AG, dazu ein »Herr Lehmann«, und versicherten sich der gleichen Gesinnung, des gleichen Musikgeschmacks. Ja – und das war es dann: der Beginn der großen Lüge: Das Milieuhafte zeigte sich daran, dass Latte-Macchiato-Rituale zum Politikum erhoben wurden. Milieu, das heißt seither: Man ist nach wie vor in Klassen geschieden – aber spricht nicht drüber. Ich vermute, dass die blindwütige »Antifa« die Fratze dieser Verwerfungen darstellt.




Dieser Text erschien in Ausgabe N° 66 am 22. Okt. 2021




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